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Eröffnungsvortrag Rottenburg 2008
Die Moderne als Herausforderung.
Zum Liedschaffen von Gustav Mahler, Hans Pfitzner und Max Reger
Prof. Harmut Fladt
Im Mittelpunkt der diesjährigen Sommerakademie (2008)
steht das Liedschaffen von drei Komponisten, die man
gern immer noch als „Spätromantiker“ bezeichnet: Gustav
Mahler, Hans Pfitzner und Max Reger. Dass bei allen noch
Elemente der romantischen Ästhetik und der romantischen
Musiksprache erkennbar sind, ist unbestreitbar; ich
werde in den kommenden Seminaren immer wieder in
einzelnen Liedern darauf hinweisen. Viel wichtiger aber
ist, dass diese Generation der ab 1860 Geborenen in eine
Zeit hineinwuchs, die sich selbst als die „Moderne“
verstand.
Sie alle hatten sich mit den Neuerungen der Moderne
auseinanderzusetzen, oder sie selbst entwickelten sogar
diese Neuerungen der Moderne. Und deswegen heißt mein
Beitrag heute „Die Moderne als Herausforderung“. Ich
knüpfe mit dieser Einführung übrigens direkt an meinen
allerersten Vortrag beim Nichidoku Liederkreis vor
vielen Jahren an, und ich variiere und ergänze ihn
entsprechend.
Es ist wichtig, sich einmal klar zu machen, was die
Lebensdaten dieser Komponisten sind, und da gibt es
einige Überraschungen. Ich beziehe in diese Übersicht
bewusst auch nicht-deutschsprachige Komponisten ein:
Gustav Mahler 1860 - 1911
Hugo Wolf 1860 - 1903
Claude Debussy 1862 - 1918
Richard Strauss 1864 - 1949
Hans Pfitzner 1869 - 1949
Alexander Skrjabin 1871 - 1915
Max Reger 1873 - 1916
Arnold Schönberg 1874 - 1951
Charles Ives 1874 - 1954
Überraschung: Mahler, Wolf, Debussy und Strauss gehören
zusammen (1860-1864), Pfitzner und Skrjabin auch
(1869/71; der unglaubliche Zufall will es, dass beide in
Moskau geboren wurden), und Reger, Schönberg und Ives
sind fast ein Jahrgang (1873/74). Ich glaube, dass wir
uns gern durch die sehr unterschiedliche Lebensdauer
täuschen lassen. Mahler wurde nur 51, Debussy 56,
Skrjabin nur 44 und Wolf und Reger gar nur 43 Jahre alt,
d.h. sie verbrachten den größten bzw. größeren Teil
ihres Lebens im 19.Jahrhundert. Wir tendieren allzu
leichtfertig dazu, mindestens Schönberg und Ives ganz
zum 20.Jahrhundert zu rechnen, Wolf und Reger zum 19.;
sie alle aber sind Repräsentanten der „Moderne“.
Für unsere drei Komponisten hat die Gattung „Lied“ eine
ganz besondere Bedeutung, quantitativ wie qualitativ.
„Lied“ und „Orchesterlied“ wenden sich nicht an die ganz
große Öffentlichkeit, und in beiden verbindet sich die
Intimität ihrer Aussagen mit einer hohen musikalischen
Konzentration. Nur selten wird die lyrische Emphase und
die epische Erzählweise dramatisch zugespitzt. Es
scheint zwar ein Vorurteil zu sein, wenn man den
deutsch-österreichischen Komponisten die Tendenz zu
einer lyrischen Innerlichkeit zuspricht und zu einer
Gefühls-Sprache des Herzens , doch in diesem Falle wird
das Vorurteil auf angenehme Weise bestätigt. Und im Lied
kommen solche Tendenzen am unmittelbarsten zum Ausdruck.
In keiner anderen Musikkultur hat diese Gattung „Lied“ -
qualitativ wie quantitativ! - einen so hohen Rang wie in
der deutschsprachigen. Das beginnt bei Ludwig van
Beethoven (dessen „An die ferne Geliebte“ der wohl erste
bedeutende Liederzyklus der Musikgeschichte ist), setzt
sich mit Franz Schubert und Felix Mendelssohn Bartholdy
fort und führt schließlich über Robert Schumann und
Johannes Brahms zu Hugo Wolf, Gustav Mahler, Richard
Strauss, Hans Pfitzner und Max Reger. Und auch die
2.Wiener Schule um Arnold Schönberg, Alban Berg, Anton
Webern und Hanns Eisler (der allein über 300 Lieder
komponierte!) setzt diese Tradition von liedhaftem
Denken und Empfinden im 20.Jahrhundert bruchlos fort.
Mahler und Strauss liebten, mehr als Pfitzner und Reger,
die Grenzüberschreitungen vom Lied in die
Instrumentalmusik. Besonders deutlich wird das, wenn Sie
bedenken, dass viele Instrumentalsätze aus
Mahler-Sinfonien (besonders bei Nr.1 bis Nr.4) ihr
thematisches Material aus zuvor komponierten Liedern
entnehmen und somit in ihrem Charakter und ihrer
Bedeutung sehr genau erkennbar sind (vergleichbare
Verfahrensweisen gab es übrigens schon bei Franz
Schuberts Kammermusik und Klaviermusik, und auch
Johannes Brahms verwendete eigene Lieder beispielsweise
im 2.Klavierkonzert , im Violinkonzert und in den
Violinsonaten, auch in den Klaviersonaten und in
Klavierstücken).
Außerdem gibt es in Mahlers 2., 3. und 4.Sinfonie ja
auch durchaus liedhafte solistische Gesangs-Sätze. Das
„Lied von der Erde“ repräsentiert die Mischgattung einer
„Symphonie aus Liedern“ mit unendlich feinen
kammermusikalischen Schattierungen. In einem Brief an
Richard Strauss schrieb Mahler über die
Orchesterversionen der „Lieder eines fahrenden Gesellen“
und der „Wunderhornlieder“: „Nicht eine künstlerische
Sonderstellung wünsche ich! Nur einen kleinen Saal für
meine im Kammermusikton gehaltenen Gesänge. Ich habe
hier in Wien diese Lieder (trotz allen Drängens aus
„geschäftlichen Gründen“) aus künstlerischen Gründen nur
im kleinen Saale gemacht, und sie haben nur dahin
gepasst.“
Es soll nun endlich auch Musik erklingen: Sie hören aus
den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ „Ging heut morgen
übers Feld“ und den entsprechenden Abschnitt der
Exposition des 1. Satzes der 1.Sinfonie. Typisch ist,
wie der lyrische Tonfall des Gesangs gleichzeitig
episch-erzählend ist, und deswegen ist diese Musik auch
verwendbar in der ja viel größeren, expansiven Form der
Symphonie.
Beispiel 1 Ging heut morgen übers Feld
Beispiel 2 1. Satz der 1.Sinfonie
Ich möchte jetzt auf die ganz spezifischen Konzeptionen
der Gattung „Lied“ am Ende des 19. Jahrhunderts
eingehen. Dazu müssen allerdings einige historische und
ästhetische Voraussetzungen beschrieben werden. Goethe
war der am meisten vertonte deutschsprachige Dichter
aller Zeiten. Er räumte der Gattung „Lied“ einen sehr
hohen Stellenwert ein; er war allerdings der
Überzeugung, dass dem Text die höhere Bedeutung zukomme
und die Musik eine eher dienende Rolle einnehmen solle.
Goethes Freund, der Berliner Komponist Zelter - übrigens
der Lehrer von Felix und Fanny Mendelssohn - erfüllte
mit seinen Goethe-Vertonungen genau diese Vorstellungen.
Für unsere Begriffe allerdings sind diese Kompositionen
eher unbedeutend.
Wahrscheinlich wird es nun verständlich, dass Goethe mit
den Vertonungen von Beethoven und Franz Schubert nichts
anfangen konnte, ja, dass er sich dagegen wehrte; denn:
sie gehen von einer Gleichberechtigung von Text und
Musik aus. Schuberts Musik interpretiert ihre Texte, und
oft erhalten die Lieder erst durch die Vertonung ihren
höchsten Rang als Kunstwerk, den sie als Text sonst
nicht hätten (denken Sie etwa an die „Schöne Müllerin“
oder an die „Winterreise“).
Auch Felix und Fanny Mendelssohn (die ich Ihnen als sehr
bedeutende Liedkomponistin dringend empfehlen kann!)
greifen Beethovens und Schuberts Konzeption der
Gleichberechtigung auf. Für Schubert und die beiden
Mendelssohns ist jetzt auch erstmals eine Voraussetzung
feststellbar, die von nun an für alle späteren
Liedkomponisten gilt: sie alle sind literarisch gebildet
und nehmen auch die gesamte Lyrik ihrer Gegenwart zur
Kenntnis (das gab es vorher so noch nie, und es war auch
später keineswegs selbstverständlich; Dvorák und
Bruckner beispielsweise hatten keine literarische
Bildung und waren dementsprechend auch keine
eigentlichen Liedkomponisten).
Einen Schritt weiter ging nun Robert Schumann. Für ihn
war die romantische Musikästhetik, wie sie Schlegel,
Tieck, Wackenroder und E.T.A.Hoffmann entwickelt hatten,
eine selbstverständliche Lebens-Grundlage. Für die
Romantiker (für die deutschen, das gilt nicht für die
französischen oder die englischen!) wurde die Musik zur
höchsten aller Künste; besonders die Instrumentalmusik
wurde neu gedacht und gefühlt, und man entwickelte den
Begriff der Absoluten Musik. Diese Musik ist nur noch
sich selbst verantwortlich - sie ist losgelöst von
kirchlichen oder gesellschaftlichen Funktionen, ist sie
ist deswegen dem göttlichen Prinzip, dem Absoluten, am
nächsten.
Die Absolute Musik vermag sich aber auch vom Text und
von konkreten Inhalten loszulösen - an jedem Text haftet
ja die Realität mit ihrer „Erdenschwere“; und nur die
Musik kann Empfindungen und Ideen ausdrücken, an die die
Worte gar nicht mehr heranreichen. Für Schumanns Lieder
bedeutet das: dem Klavierpart kommt nun eine Bedeutung
zu, wie sie vorher in der Musikgeschichte noch nie zu
beobachten war. Wie schon bei Schubert interpretiert
die Vertonung den Text, doch das Eigentliche, das
Un-Nennbare wird instrumental ausgedrückt.
Ich weiß, dass Sänger das nicht gern hören - aber die
musikgeschichtlichen Tatsachen sind nicht zu verleugnen.
Aber die Pianisten können jubeln: sie sind wirklich
nicht nur die „Begleiter“, die musikalischen
Wasserträger für die Hauptpersonen. Gleichberechtigung
ist das mindeste, was man bitte auch hören muss, und
manchmal darf es auch mehr sein. Sie können das
besonders schön an vielen sogenannten „Nachspielen“ von
Schumann - Liedern feststellen, die ja meist viel mehr
als nur „Nachspiele“ sind; es handelt sich sehr oft um
eine weitere Strophe, allerdings ohne Gesang, und die
Überschrift dieser Instrumentalstrophen könnte lauten
(wie in Schumanns „Kinderszenen“): Der Dichter spricht.
Diese romantische Konzeption der besonderen Bedeutung
des Instrumentalen wird von allen späteren Komponisten
des deutsch-österreichischen Kulturraums aufgegriffen -
sie gilt also von Brahms über Mahler, Wolf, Strauss,
Pfitzner, Reger bis zur Schönberg-Schule, ja bis Hans
Werner Henze.
Wir haben jetzt bereits einige der wichtigsten
Voraussetzungen für die Liedkomposition der Moderne
kennen gelernt. Es waren dies:
- die Synthese aus liedhaftem und symphonischem Denken;
- die Gleichberechtigung von Text und Musik, das heißt: die
Musik interpretiert den Text;
- die hohe literarische Bildung der Komponisten;
- schließlich die romantische Idee der absoluten Musik, also letztlich der
besonderen Bedeutung des Instrumentalparts.
Nun gibt es aber eine Gestalt unter den Komponisten des
19.Jahrhunderts, die bisher noch nicht erwähnt wurde,
die aber das Denken und Fühlen auch der Lieder von
Gustav Mahler und Richard Strauss, besonders aber von
Hugo Wolf stark beeinflusst hat: Richard Wagner. Als
Liedkomponist ist Wagner - sieht man vom
Wesendonk-Zyklus ab - durchaus nicht bedeutend; aber
seine Neubestimmung des musikalischen Dramas ab 1851/52
hat auch eminente Auswirkungen auf das Verhältnis von
Text und Musik allgemein. Die theoretische Schrift Oper
und Drama, die im Exil in der Schweiz entstand, entwirft
bereits all das, was Wagner dann später in Werken wie
dem Ring des Nibelungen oder in Tristan und Isolde
künstlerisch realisierte.
Die besondere Bedeutung des symphonischen Denkens und
damit auch des Instrumentalen im Musikdrama wird
erstmals formuliert - und damit ist Wagner durchaus in
der Gesellschaft der romantischen Ästhetik. Diese
Ästhetik ändert sich aber noch durch Wagners Rezeption
des Philosophen Arthur Schopenhauer und seine Schrift
„Die Welt als Wille und Vorstellung“: Musik ist wie
keine andere Kunst unmittelbares Abbild des
„Weltwillens“. Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen,
wie weit das ein Missverständnis Schopenhauers ist - auf
jeden Fall ist es ein sogenanntes produktives
Missverständnis, weil sehr bedeutende Werke aus ihm
hervorgingen, und auch, weil Komponisten wie Wolf,
Mahler, Strauss, Pfitzner und der frühe Schönberg
(übrigens NICHT Reger) Wagner in seiner Anschauung
folgten.
Auf der anderen Seite aber wird jetzt in „Oper und
Drama“ ein Prinzip aus der Vokalmusik verbannt, das
Wagner selbst in all seinen bisherigen Werken noch
selbstverständlich berücksichtigt hatte: die Komposition
von regelmäßig gebauten Versen mit gleich bleibendem
Versmaß und - in der Regel - sogar mit regelmäßigen
Reimen (das betrifft nicht Rezitative!). Was das für
die bisherige Komposition bedeutete, lässt sich klar
sagen: die symmetrischen Verhältnisse der Texte haben
ihre Entsprechung in musikalischen Symmetrien, das heißt
in periodischen Gestalten mit Vorder- und
Nachsatz-Prinzip, oder in regelmäßigen „Sätzen“ und
Fortspinnungstypen; und: die textliche Reimordnung hat
ihre Entsprechung in der Kadenz-Ordnung. Der
Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus nannte das „Ein
Dilemma der Verskomposition“, das sich dadurch für die
Komponisten der Moderne ergab, die sich diesem
Gängelband nicht fügen wollten.
Im Prinzip hielt sich Wagner an diese
Text-Musik-Relation - bis zum Lohengrin. Dann aber -
salopp gesagt - „reichte es ihm“, und er machte sich
über diese sogenannte „Quadratur der
Tonsatzkonstruktion“ regelrecht lustig. Besonders der
arme Rossini musste als abschreckendes Beispiel
herhalten (dabei hätte Wagner in seinen eigenen Werken
auch genügend Beispiele gefunden). Dagegen setzt Wagner
nun ein Prinzip, das man als musikalische Prosa
bezeichnen kann: die Musik „argumentiert“ symphonisch,
denkt musikalische Gedanken folgerichtig weiter, ohne
sich auf vorgefasste Symmetrien und Kadenzen zu
verlassen - die Melodien werden unendlich.
Damit verbunden ist ein Punkt, den Sängerinnen und
Sänger wiederum nicht sehr gern hören: die Substanz der
Musik spielt sich im thematisch-motivischen Geflecht des
Orchesters ab, und die Singenden deklamieren zusätzlich
den Text und sind verantwortlich für den emotionalen
dramaturgischen Sinn. Nur selten werden Gesangsstimmen
in die thematisch-motivische Dramaturgie der Leitmotive
einbezogen. Und liedhafte Schlichtheit taucht nur noch
an ganz wenigen herausgehobenen Stellen auf: so etwa in
Siegfrieds Schmiedelied.
Ich will nicht weiter auf Wagner eingehen, aber Sie
sehen: jetzt haben die nachfolgenden Liedkomponisten ein
echtes Problem. Was tun? Sie vertonen ja weiterhin
Lyrik, die – bis auf wenige Ausnahmen von sogenannten
„Gesängen“ – symmetrische Versmaße und Reimordnungen
hat.
- Soll man jetzt Wagner folgen und sagen: ich
löse diese Lyrik, diese gebundene Rede in musikalische
Prosa auf, ich deklamiere korrekt, ich überlasse der
Singstimme die äußere Darstellung der
Gefühls-Dramaturgie, aber das wahre musikalische
Geschehen, die Substanz, spielt sich im Instrumentalpart
ab, sei es im Klavier oder im Orchester.
- Oder nimmt man den Gegenstandpunkt ein: Wagners Problem ist nicht
das meine, ich entwickle den Ansatz Schumanns weiter.
Zwischen diesen beiden Polen schwanken die Lieder von
Wolf, Mahler, Strauss, Pfitzner, Reger. Hugo Wolf ist
noch der entschiedenste Wagnerianer; so repräsentieren
beispielsweise im Mörike-Zyklus die Lieder An den Schlaf
und In der Frühe einen entschiedenen „Wagnerismus“,
aber Wolf war - und ich kann nur sagen: Gott sei Dank -
kein Dogmatiker, und so gibt es in eben diesem
Mörike-Zyklus auch Lieder ganz in der
Schumann-Tradition, in denen die Singstimme wunderbare,
symmetrische Melodien singen darf, z.B. Um Mitternacht.
Mahler protestierte (wie übrigens auch Debussy) gegen
einen ausschließlichen „Wagnerismus“; er sagte: „...ich
verlange von einem Lied nicht, dass es klingelt, wenn
ein Vogel vorkommt und im Bass herumbrummt, wenn der
Wind geht – ich verlange: Thema, Durchführung des
Themas, thematische Arbeit, Gesang, nicht De – kla – ma
– tion!“ Hier spricht der an Brahms geschulte
symphonische Komponist, der in der Gattung Lied nicht
vergessen wollte, was musikalisches Denken bedeutet.
Illustration und oberflächliche Stimmungsmalerei waren
seine Sache nicht.
Johannes Brahms nahm eine Gegenposition zu Wagner ein.
Er schrieb schon als junger Komponist in einem Brief an
Clara Schumann: „Das Lied segelt jetzt so falschen Kurs,
dass man sich ein Ideal nicht fest genug einprägen kann,
und das ist das Volkslied.“ Bei aller Bewunderung für
Wagner bewahrten besonders Mahler, Strauss und Reger
dieses Ideal in ihren Liedern, ohne auf die
Errungenschaften Wagners zu verzichten: wir werden hören
(und sehen), dass bei diesen Komponisten beides zu
seinem Recht kommt, das musikdramatische Deklamieren
ebenso wie die volksliedhafte Schlichtheit. Die Wahl
der kompositorischen Mittel hängt allein vom Text und
von der angestrebten Aussage ab.
Aber noch etwas ist wichtig für Johannes Brahms: welche
Textauswahl treffe ich als Komponist? Darf ich alles
vertonen? Wie ist das Idealverhältnis Text – Musik?
Brahms brauchte Texte, die noch Platz für Musik ließen,
nicht die komplexen Meisterwerke, die eigentlich keine
Musik mehr dulden. Zu Schuberts Goethe-Vertonungen sagte
er: „Die letzte Strophe des Schubertschen Suleika
-Liedes ‚Was bedeutet die Bewegung?‘ ist die einzige
Stelle, wo ich mir sagen muss, dass Goethesche Worte
durch die Musik wirklich noch gehoben worden sind. Sonst
kann ich das von keinem anderen Goetheschen Gedicht
behaupten. Die sind alle so fertig, da kann man mit
Musik nicht an.“
Mit dieser Argumentation wurde Brahms zum Vorbild für
die Liedästhetik Gustav Mahlers, teilweise auch Max
Regers. Alle von ihm vertonten Texte ließen sehr viel
Raum für eine Musik, die – und zu dieser romantischen
Tradition bekannten sich sowohl Brahms als auch Mahler
und Reger – die eigentliche, die tiefe Aussage der Werke
begründet, an die Worte nicht heranreichen. Ida Dehmel,
die Frau des Dichters Richard Dehmel, schreibt in ihren
Tagebüchern über Mahlers Liedästhetik: „Es käme ihm auch
immer wie Barbarei vor, wenn Musiker es unternähmen,
vollendet schöne Gedichte in Musik zu setzen. Das sei
so, als wenn ein Meister eine Marmorstatue gemeißelt
habe und irgendein Maler wollte Farbe darauf setzen. Er,
Mahler, habe sich nur einiges aus dem Wunderhorn zu
eigen gemacht; zu diesem Buch stehe er seit frühester
Kindheit in einem besonderen Verhältnis. Das seien keine
vollendeten Gedichte, sondern Felsblöcke, aus denen
jeder das Seine formen dürfe.“
Hören wir jetzt aus „Des Knaben Wunderhorn“ „Des
Antonius zu Padua Fischpredigt“ und danach den Beginn
des Scherzos aus der 2.Sinfonie: hier wird eine typische
Ausprägung der Moderne deutlich, nämlich die Groteske,
die gleichzeitig symbolistisch und gesellschaftskritisch
ist, denn diese Fische symbolisieren die menschliche
Gesellschaft. Alle Moralpredigten, alle großen Ideen der
Heiligen und der Philosophen sind vergeblich – das
Weltgetriebe mit Betrug, Unterdrückung, Mord und Krieg
geht weiter. Anders als im Lied, das eine erzählerische
Humoreske ist, kommt es im Scherzo dann noch zu einem
riesenhaften Kollaps und zur totalen Verzweiflung.
Beispiel 3 „Des heiligen Antonius zu Padua
Fischpredigt“
Beispiel 4 Scherzo aus der 2.Sinfonie
Max Reger hielt die „...’klassischen’ Dichter für
auskomponiert“. Daher griff er bevorzugt zu Texten von
Zeitgenossen, und, gerade in den „Schlichten Weisen“,
literarisch sehr unbedeutenden Zeitgenossen; man kennt
sie heute nur noch durch diese Vertonungen – die
Literaturwissenschaft und die Germanistik haben sie
vergessen. Aber: die Texte lassen sehr viel Raum für
Musik. (Brahms war übrigens nicht GANZ so wahllos in der
Auswahl seiner Texte; auch wenn diese oft nicht
artifiziell sind, so haben sie in der Regel doch schöne
Bilder und eine Sprach-Klanglichkeit, die musikalischen
Reichtum ermöglicht.)
Wir hören jetzt von Max Reger, als Beispiel für seine
bedenkenlose Wahllosigkeit, aus den Schlichten Weisen
„Schlecht Wetter“. Der Text von Richard Braungart macht
dem Titel alle Ehren: das ist sprachlich eine
unsägliche, holprige Pseudo-Volkstümlichkeit; der
dürftige Witz beruht auf einer Parallelsetzung von
schlechtem Winterwetter mit der schlechtgelaunten
Geliebten. „O wie greulich, wie abscheulich / macht mein
Mädel ein G’sicht! / Tut mir grollen / tut mir schmollen
/ und mich lieb haben nicht.“ Besonders peinlich: das
ist ein Plagiat von Goethes „Schweizerlied“, aber auf
unterstem Niveau. Reger rückt dem Text unbekümmert mit
seiner Hochchromatik auf den Leib. Und Fischer-Dieskau
bemüht sich in seiner Interpretation um einen neckischen
Tonfall, der den nicht vorhandenen Witz für mich fast
noch schlimmer macht. Beispiel 5 Schlecht Wetter
Es gibt selbstverständlich auch viele schöne, gelungene
Lieder unter den „Schlichten Weisen“. Aber ein
kritischer Umgang mit der Lied-Literatur sollte
unbedingt auch ein Teil der Gesangs-Ausbildung sein –
deshalb wollte ich auch einmal eine misslungene
Komposition vorstellen. Übrigens möchte ich Sie in
dieser Einführung nicht mit Details aus der Biographie
der Komponisten überschütten, auch nicht mit ihren
kompositorischen Werdegängen, ihrer Ästhetik, ihren
Vorzügen und Schwächen: das alles kommt dann in den
täglichen Seminaren. Besonders ausführlich möchte ich
das bei Pfitzner und Reger machen, weil diese beiden in
der Regel weitgehend unbekannt sind.
Wir haben bisher besonders die geschichtlichen und die
ästhetischen und die kompositorischen Voraussetzungen
für das Liedschaffen der Zeit kennen gelernt. Was aber
ist kennzeichnend für die unmittelbare Gegenwart dieser
Komponisten? Die Generation der nach 1860 Geborenen
wollte vom einfachen Etikett „Romantisch“ nichts mehr
wissen. Mahler, Wolf und Strauss, Pfitzner, Reger
rechneten sich also zur musikalischen Moderne, ebenso
wie der gleichaltrige Claude Debussy in Frankreich. Sie
alle wollten ganz gegenwärtig sein und waren offen auch
für die neuesten Entwicklungen in der Dichtkunst, der
Philosophie, der Malerei, der Soziologie, ja sogar der
entstehenden Psychoanalyse und - der Technik. Und der
emphatischste „Moderne“ war - Richard Strauss; man darf
sich durch seine Kehrtwendung seit dem „Rosenkavalier“
nicht täuschen lassen! Zwar bekommt die „Moderne“ in der
Musik um 1910 durch Schönberg, Stravinskij und Bartók
ihre Besonderheit als eine „Neue Musik“ (mit dem
besonders großen N), doch auch diese Komponisten
verstanden sich als Vertreter der Ideen der Moderne.
Wie nun sehen diese Ideen aus? Ich möchte das am
Beispiel der Sezession verdeutlichen. Die
„Sezessionisten“ in der Malerei in Wien und in Berlin
sagten sich von der akademischen Maltradition los,
zweifellos auch beeinflusst vom französischen
Impressionismus. Am Sezessions-Gebäude in Wien kann man
noch heute die schöne Inschrift lesen: DER ZEIT IHRE
KUNST - DER KUNST IHRE FREIHEIT. In diesem Sinne
verstanden sich auch Gustav Mahler und Richard Strauss,
später der frühe Schönberg als „Sezessionisten“, wie
etwa ihre Malerkollegen Klimt und Liebermann. Als
Anhänger der Philosophie Nietzsches waren sie alle
extrem kritisch gegenüber Institutionen, seien es nun
kirchliche, staatliche oder künstlerisch-akademische.
Das ist bei Pfitzner und Reger durchaus anders.
Impressionistische Wirkungen sind zahlreich im Œuvre
aller drei Komponisten zu finden, sei es in orchestralen
Klangflächen und Tableaus, sei es (auch in den Liedern)
als Emanzipation des harmonischen Kolorismus, das heißt:
die Farbwerte der Akkorde und der Akkordverbindungen,
auch ihr hell-dunkel werden wichtiger als ihr
traditioneller funktionaler Sinn im Verständnis der
Harmonielehre. Die Sinnlichkeit der Farbe kann also nun
sogar wichtigstes Prinzip der Musik werden.
Wir hören endlich auch ein Beispiel von Hans Pfitzner,
die Vertonung von Goethes wunderbarem „An den Mond“.
Pfitzner entwirft ein impressionistisches Klangpanorama
mit vielen Ganztonfeldern und Ganzton-Akkorden, das aber
immer zugleich auch, wie bei Goethe, symbolistisch ist:
die Natur ist symbolischer Spiegel des menschlichen
Innen.
Beispiel 6 Pfitzner, An den Mond op.18
Zur „modernen“ Sezession gehörte auch der Jugendstil,
dessen Leichtigkeit und Helligkeit in zahlreichen
musikalischen Figurationen bei Mahler, Strauss, Pfitzner
und auch Reger aufscheint. In München erschien die
Zeitschrift „Jugend“, und eigens für sie komponierte
z.B, Richard Strauss zwei Lieder. In Gustav Mahlers „Wer
hat dies Liedlein erdacht?“ sieht man das florale
Rankenwerk des Jugendstils in den sich verzweigenden
Linien der Musik plastisch vor sich.
Beispiel 7 Mahler, Wer hat dies Liedlein erdacht
Stichwort „Symbol“: zur „Moderne“ des späten
19.Jahrhunderts gehört auch der Symbolismus. Einer
seiner Hauptvertreter, der Belgier Maurice Maeterlinck,
lieferte die Textgrundlage für Debussys „Pelléas und
Melisande“, doch auch seine Gedichte wurden zu Liedern
der deutschen Moderne, so etwa bei Arnold Schönberg.
Auch einige der von Strauss vertonten Texte stehen
deutlich dem Symbolismus nahe; und der Märchentext von
Mahlers sehr frühem „Klagenden Lied“ ist weitgehend
symbolistisch. Und wie Pfitzner Goethes Symbolsprache in
einen modernen, impressionistisch gefärbten Symbolismus
umsetzte, das haben wir bereits gehört. Seine Oper „Die
Rose vom Liebesgarten“ ist ebenfalls weitgehend
symbolistisch mit impressionistischen Zügen.
Aber auch bei Reger finden sich schöne Beispiele, so das
Lied „Traum durch die Dämmerung“ von Otto Julius
Bierbaum, den auch Richard Strauss vertont hat (die
meisten von Ihnen werden nur die Version von Strauss
kennen). Farben, Licht und Schatten, Düfte,
haptisch-Sensorisches wird als Symbol einer Liebe
eingesetzt: „Mich zieht ein weiches samtenes Band /
Durch Dämmergrau in der Liebe Land / In ein blaues
mildes Licht.“ Beispiel 8 Reger, Traum durch die
Dämmerung.
Als letzte Haupt-Richtung der „Moderne“ sei noch der
Naturalismus erwähnt. Um Wahrheiten der menschlichen
Psyche, von zwischenmenschlichen Beziehungen und von
gesellschaftlichen Verhältnisse auszudrücken, wird jetzt
auch das Niedrige, das Hässliche, das Schmutzige als
künstlerisches Mittel eingesetzt (denken Sie an
Strindberg, Hauptmann, Wedekind). Für die Musik bedeutet
das einen psychologischen Realismus, der auch das
Unterbewusste, die Angst und andere Kategorien der
Psychoanalyse mit einbezieht. Den Gipfelpunkt eines
psychologischen Realismus bei Strauss bildet wohl die
Elektra , doch auch zahlreiche Lieder sind zu nennen,
häufig die auf Texte des Berliners Richard Dehmel. Bei
Mahler kann in diesem Zusammenhang an Lieder wie Ich
hab‘ ein glühend Messer erinnert werden oder Das
irdische Leben oder auch an das Lied des Verfolgten im
Turm.
Auch Hans Pfitzner ist vom Naturalismus durchaus
beeinflusst. Im „Leierkastenmann“ aus op.15 auf einen
Text des Zeitgenossen Carl Busse wird das soziale
Schicksal eines Ausgestoßenen entworfen: die Mutter,
eine Bettlerin, stirbt bei der Geburt des Sohnes auf der
Straße, der Sohn hat lebenslang keine Chance, nicht
einmal als bettelnder Leierkastenmann; ihm bleibt der
Tod – der Selbstmord?
Beispiel 9 Pfitzner, Leierkastenmann
Ein selbstverständliches kompositorisches Mittel in
diesem Kontext ist die Emanzipation der Dissonanz. Das
bedeutet: Dissonanzen müssen nicht mehr „korrekt“
vorbereitet und auch aufgelöst werden. Natürlich gibt es
noch Unterschiede zwischen Konsonanz und Dissonanz,
aber: diese Unterschiede sind nicht mehr substantiell,
sondern nur noch graduell. Und: in diesen Dissonanzen
ist immer Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Leben.
Vieles von dem, was Sie jetzt in einer sehr kompakten
Darstellung gehört haben, wird in den nächsten Tagen an
zahlreichen Einzelbeispielen näher erläutert. Mir liegt
sehr daran, zu zeigen, dass die musikalische Analyse und
das Wissen über die Musik, die man interpretiert, auch
den sinnlichen Zugang zu dieser Musik und die
gefühlsmäßige Annäherung an die Lieder erheblich
vertiefen kann.